Der arme Nagel

Ein Nagel saß in einem Stück Holz.
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
und war eine Messingschraube.
Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm
in einem Astloch. Sie wurden intim.
Kurz, eines Tages entfernten sie sich
und ließen den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
so bittere Leiden gekostet.
Bald war er beinah verrostet.
Da aber kehrte sein früheres Glück,
die alte Schraube wieder zurück.
Sie glänzte übers ganze Gesicht.
Ja, alte Liebe, die rostet nicht!


Joachim Ringelnatz
(1883 - 1934)

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Kommentare: 3
  • #1

    Quer (Montag, 06 November 2017 06:49)

    Ringelnatz ist einfach goldig! Ich werde nie müde, seine Gedichte zu lesen.
    Und du hast seine Worte sehr hübsch bebildert, Helga.
    Lieben Gruss zum Wochenbeginn,
    Brigitte

  • #2

    Anna-Lena (Montag, 06 November 2017 22:44)

    Ein wahrer Ringelnatz, so mag ich ihn!

    Herzlichst
    Anna-Lena

  • #3

    Marlies (Samstag, 11 November 2017 11:30)

    Leider bin ich kein so guter Gedichte Kenner, aber Ringelnatz hat es in so nette Worte gepackt, dass ich es gerne gelesen habe.
    Ich hoffe doch, dass ich mich in nächster Zeit auch mal mit Gedichten befassen werde.
    Durch Dich, liebe Helga, interessieren mich nun auch die Worte der großen Poeten.
    Danke, Gruß Marlies